1. Woraus besteht die Freiheit im Internet?

Das Internet hat tolle Dinge hervorgebracht, weil es jeder (aus technischer Sicht) gleichberechtigt und frei benutzen kann, und zwar nicht nur als Konsument, sondern auch als Anbieter von Diensten. Hätten sich nur alle Menschen von ein paar Monopolisten einlullen lassen, wäre die Welt diesbezüglich um einiges ärmer.

Aber diese Freiheit schwindet: einige schicken sich an die Netzneutralität abzuschaffen, viele Menschen begeben sich bereitwillig in die von wenigen großen Konzernen geschaffenen abgeschlossenen Systeme. Wer darin ist wird gnadenlos überwacht, alle verfügbaren Daten werden gesammelt und zu Geld gemacht. Soweit es möglich ist werden auch die Daten derer gesammelt, die gar nicht selbst mitmachen (z.B. Facebook trackt jeden, Telefonnummernuploads ganzer Adressbücher durch Messaging-Apps).

Manche dieser Systeme sind inzwischen sehr weit mit anderen Systemen oder wichtigen Lebensbereichen verwoben. Wer den Datensammler Google nicht füttern möchte und sich auch nicht von Apple einsperren lassen möchte, kann z.B. Whatsapp nicht nutzen (es gibt natürlich genügend andere Gründe es nicht zu tun). Wer Whatsapp nicht nutzt, ist vielfach schon draußen und muss oft sowas hören wie "ich hätte Dir ja Bescheid gesagt, aber Du hast ja kein Whatsapp" — als ob es Telefon, SMS, Email nicht gäbe. Es gibt Kindergärten, die wichtige aktuelle Informationen nur noch per Whatsapp verteilen und sicherlich viele weitere Beispiele.

Ohne ein Smartphone mit Google- oder Apple-Account kann man sogar einige moderne, zumindest zum Teil steuerfinanzierte Dienste für Bürger nicht nutzen — denn die App gibt es nur im Appstore. Man hätte ja auch eine per Browser benutzbare Internetseite machen können, aber nein, selbst die öffentliche Verwaltung bietet nur zwei Alternativen: mitmachen oder Dienste nicht bekommen (durch eine Suche schnell gefundene Beispiele, die das für jeden wichtige Thema Verkehr betreffen: 1, 2, 3).

Die Freiheit besteht also an wesentlichen Stellen nur aus der Wahl mitzumachen oder es sein zu lassen. Ersteres ist bequem, füttert aber den Datenapparat, zweiteres ist unbequem und mit merklichen Nachteilen verbunden.

Aber was ist denn eigentlich schlecht an den bequemen Systemen?

2. Aber es ist doch alles kostenlos!

Genau. Der Nutzer muss dem Anbieter üblicherweise kein Geld zahlen. Dieser Anbieter möchte seine Arbeit aber bezahlt haben und sein investiertes Geld vermehren. Also wird es dem Benutzer schmackhaft gemacht, Daten zu generieren, welche der Anbieter wiederum irgendwie zu Geld machen kann.

Dabei denkt man vielleicht an nervende Werbung, und dass diese Konzerne vielleicht irgendwie zu viel wissen, aber letztlich macht das ja nicht wirklich was aus, man kann ja über die Werbung hinwegsehen und außerdem hat man ja ohnehin nichts zu verbergen.

Das kann man so sehen, aber es gibt auch tatsächliche negative Effekte, die nicht ganz unwichtig sind.

Letztlich geht es meistens darum, möglichst viele Daten zu sammeln, Daten aus verschiedenen Quellen zu sammeln (alles erdenkliche vom Smartphone, Fernseh- und Surfverhalten, Daten aus sozialen Medien, Bekanntschaftsbeziehungen zu anderen Nutzern, Bewegung in der Stadt und im Geschäft), zusammenzuführen (cross device tracking, zum Beispiel über Ultraschallsignale. Ende 2016 wurde es noch als technisch schwierig beschrieben, Ende 2017 an anderer Stelle nicht mehr) und diese Daten mit anderen zu statistischen Aussagen zu verbinden, die dann aber Auswirkungen in der echten Welt haben, zum Beispiel:

  • welche Produkte/Dienstleistungen werden mir angeboten und zu welchem Preis

  • welche Produkte/Dienstleistungen werden mir verwehrt (z.B. Versicherungen und Kredite, Risiko-Scoring)

Das kann man auch Diskriminierung nennen.

All diese Daten und Möglichkeiten werden aber auch benutzt um die Meinungsbildung und politische Entscheidungen zu beeinflussen (ohne lange zu suchen nehme ich diese aktuelle Beispielmeldung, sie ist beeindruckend genug).

Das Wissen der Nutzer über diese Vorgänge zieht weitere negative Folgen nach sich (chilling effect, social cooling, siehe Links unten).

Diese Links sind nun wahrlich keine vollständige Sammlung zu diesem Thema, aber ein Auswahl verschiedener Aspekte, Medien und Tiefgänge.

Ein kurzer Film, englisch (Adam ruins everything: the terrifying cost of "free" websites).

Ein Film: nothing to hide. Der Film aus dem Jahr 2016 zeigt Beispiele, welche die Bedeutung und Auswirkung dieser Datensammelei in besonderer Weise sichtbar machen — dafür lohnt er sich wirklich. An anderen Stellen ist er für Zuschauer ohne Vorwissen zu schnell oder taucht plötzlich in Details/Hinweise ab, die nicht verständlich sind oder aus meiner Sicht falsch dargestellt (am Ende des Films: die Vorteile von dezentralen Systemen).

34C3: Daten kontra Freiheit. Leider starke Audioprobleme in der ersten Hälfte. Social cooling, click fear, chilling effect, "if you feel you’re being watched you change your behaviour", Risikovermeidung, reputation economy, refers to chinas social scoring system, deemly (danish company, central service for scoring across websites and even real world services), "freedom, unused", witzig und wichtig bei 24:00, Snowden-Zitat, weniger Kreativität. Gesetze, Polizei, Gerichte, Bestrafung sind sichtbar und bekannt, darauf passt der (alte) Satz "ich habe nichts zu verbergen". Das soziale Kontrollsystem ist jedoch anders: ständig aktiv, weniger sichtbar, funktioniert durch Angst vor Ausschluss. Privacy is the right to be imperfect and human.

Sascha Lobo mit Beispielen dafür, was berechnete Wahrscheinlichkeiten bewirken können.

Social Media: Autoversicherung will Kunden über Facebook einstufen

Auch vor Kindern macht man nicht halt: SpiegelOnline schreibt: "Kunden müssen demnach vor dem Gebrauch der Spielzeuge zustimmen, dass ihre Daten für personalisierte Werbung genutzt und Informationen an Dritte weitergereicht werden dürfen. Zudem werde alles, was Kinder den Puppen erzählen, an eine auf Spracherkennung spezialisierte US-Firma gesendet, die sich ebenfalls vorbehält, Daten an Dritte weiterzugeben."

Wearables, Fitness-Tracker: "Weil sich immer mehr Versicherer und Unternehmen für diese Daten interessieren…"

3.1. 33c3: corporate surveillance

Video vom Vortrag, alles leicht zu verstehen und beeindruckend. Es gibt ihn auch deutsch übersetzt (Sonnensymbol im Online-Player).

  • Firmennetzwerke: z.B. gehören viele Firmen zu einer Mutter (aufgekauft, Beispiel Oracle), welche die Daten zusammenfasst und diese und Auswertungen daraus weiterverkauft

  • Nutzung wofür: Scoring (Versicherungen), gezielte Werbung, wie "wertvoll ist ein Kunde", personalisierte Preise, wird eine Versicherung/ein andere Produkt angeboten oder nicht, darf ein Kunde etwas kaufen oder nicht, wie lange muss er in der Warteschleife warten, … Letztlich wird wohl alles personalisiert, was (mehr) Geld verspricht.

  • Bewegungsprofile (im Netz und in der Realität), Interessen

  • verschiedene Geräte/IDs werden verknüpft: Browser-Cookies, IP-Adressen, Google/Facebook/…-Konten, Emailadressen, postalische Adressen, … um Daten noch besser zusammenführen zu können

  • Suchbegriffe werden ausgewertet, Metadaten (sogar Häufigkeit und Dauer von Telefonanrufen, auch Telefonica macht mit), alles was verfügbar ist

Hier ist ein ausführlicher Text dazu, aber schneller zu lesen als das Video zu schauen.


Letzte Änderung: 28.03.2018 07:37
Jens W. Wulf

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